Howling Night // The new story about love and destiny
Story
  Kapitel 2
 
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Am darauffolgenden Tag war schulfrei. Denn es jährte sich der Teufelstag. Ausnahmsweise hatte das nichts mit mir zutun.

Laut einer Legende unseres Dorfes gab es einen Tag, an dem böse Mächte Opfer suchten und diese qualvoll sterben ließen. An diesem Tag verließ keiner das Haus. Und wie es der Zufall wollte, begann es wie aus Eimern zu regnen. Wenigstens war das für die Leute ein plausibler Grund, nicht nach draußen zu gehen. Ich hielt diese Teufelsgeschichte für Quatsch und wanderte an diesem Tag immer umher, genauso wie an jedem anderen Tag. Doch das verstärkte das Missfallen der Leute nur. Mich kümmerte es nicht, ich ging trotzdem nach draußen.

So auch heute.

Ich wohnte in einem kleinen Häuschen. Es war das schäbigste in der ganzen Gegend, deshalb musste ich keine Miete zahlen. Wo hätte ich das Geld auch hernehmen sollen? Niemand würde mir eine Arbeit geben.

Ich zog meine enge Jeans an und betrachtete mich im Spiegel. Ich war keineswegs hässlich, ich war sogar sehr hübsch, aber so etwas zählte wohl nicht.

Dann erblickte ich mein Gesicht. Der traurige Ausdruck in meinen schokoladenbraunen Augen machte mich noch trauriger.

Ich ging zum Kleiderschrank, der kaum gefüllt war und warf mir ein rotes Top über, das sehr gut zu meinem braunen Haar passte. Ich schlüpfte in schwarze Turnschuhe, schnappte meinen Schlüssel und verließ das Haus. Nachdem ich die Tür verschlossen und den Schlüssel in meiner Hosentasche verstaut hatte, lief ich los.

Der Regen prasselte auf mich herab und innerhalb weniger Minuten war ich durchnässt bis auf die Knochen. Mein Haar, das mir bis zu den Schulterblättern reichte, klebte an meinem Kopf und gab mir das Gefühl, ich hätte es seit Wochen nicht gewaschen. Doch es kümmerte mich nicht.

Ich wischte mir einige nasse Strähnen aus den Augen.

Ich war auf dem Weg zum Fluss und traf wirklich niemanden an. Schon oft war ich am Fluss gewesen und hoffte, dass ich eines Tages auch einfach davon fließen könnte. Durch den vielen Regen war er breiter geworden – ein regelrechtes Teufelsgewässer. Was für ein Zufall. Der Fluss schien genauso wie ich zu sein. Er war umgeben von dunklen Wäldern.

Das passte: Ich, der teuflische Fluss und die Dorfbewohner, die düsteren Bäume.

Ich setzte mich auf meinen üblichen Platz. Er war, vor Blicken geschützt, auf den Wurzeln eines dicken, alten Baumes. Hier konnte man gut nachdenken.

Als ich mich auf dem nassen Laub niederließ, durchzuckte mich ein kalter Schauer. Warum konnte der Regen nicht warm sein? Naja, es war Oktober, aber trotzdem!

Jeder schien mir die kalte Schulter zeigen zu wollen – sogar das Wetter. Immer, wenn ich hier saß und nachdachte, kamen mir die gleichen Gedanken: Warum ich? Warum waren die anderen so gemein zu mir? Warum hatte man überhaupt den Verdacht, ich wäre vom Teufel besessen?

Nie hatte ich eine Antwort auf meine Fragen bekommen. Ehrlich gesagt, habe ich auch noch nie jemanden danach gefragt.

Ich betrachtete den Fluss und seufzte. Ich wünschte, ich könnte einfach weggehen und von vorne anfangen. Doch wo sollte ich hin? Ich hatte kein Geld und stets stünde ein Schatten über mir.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich zitterte.

Mist, ich hätte mir eine Jacke mitnehmen sollen. Aber ich wollte nicht zurück ins Dorf – noch nicht. Lieber würde ich hier erfrieren. Ich lehnte mich an den Baum, legte die Arme auf die Knie und schloss die Augen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß, aber ich spürte, dass der Regen stärker wurde, soweit das überhaupt möglich war.

„Entschuldigen Sie, Miss.“ Ich öffnete die Augen und blickte einem Mann ins Gesicht. Er stand direkt vor mir und war ebenfalls durchnässt. Ich hatte ihn nicht kommen hören.

Wow, sah er gut aus!

Unglaublich, jetzt wurde ich auch noch verrückt. Niemand würde mit mir sprechen und schon gar nicht so ein umwerfender Fremder.

Er war groß und hatte braunes, im Nacken zusammengebundenes Haar. Gekleidet war er in eine löchrige Jeans und einen roten Sweatpullover. Ober- und unterhalb der wohlgeformten Lippen trug er einen Bart. Seine braunen Augen waren auf mich gerichtet.

Ich hatte ihn wohl zu auffällig angestarrt, denn in kleines Lächeln huschte über sein Gesicht und damit offenbarte er eine Reihe perfekter, weißer Zähne.

„Entschuldigen Sie, bitte“, murmelte ich. „Ich äh …“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Dass ich angeblich vom Teufel besessen war? Dass ich hier durchnässt und frierend saß, damit ich niemanden aus dem Dorf sehen musste? Doch was mich, abgesehen von seinem guten Aussehen, tatsächlich überraschte, war, dass er mich angesprochen hatte. Also blieb die Teufelsgeschichte nur in dem Dorf.

Wie beruhigend.

Meine ich-fange-neu-an-Pläne nahmen wieder Gestalt an.

„Miss?“

Aus meinen Gedanken in die reale Welt zurückkehrend, wurden seine Konturen wieder schärfer. Ich schüttelte den Kopf.

„Achje. Es tut mir Leid, Sir. Ich war in Gedanken versunken.“

Er lächelte. „Wer ist das nicht?“

Diese Bemerkung kam mir etwas merkwürdig vor.

„Könnten Sie mir bitte sagen, wo die nächste größere Stadt ist?“

Ich konnte nichts dagegen tun, ich lachte laut auf. „Verzeihen Sie, Sir. Aber Sie wissen wohl nicht, wo Sie hier sind. Dieses Dorf dort oben“ Ich deutete in die Richtung. „ist so ziemlich der abgelegenste Platz in ganz Großbritannien. Selbst wenn Sie mit dem Auto fahren, dauert es Tage, um in die nächste Stadt zu kommen.“ Ich dachte kurz nach. „Das müsste dann Newcastle sein.“ Er lächelte immer noch.

„Hm. Dann werde ich mich eine Weile hier im Dorf niederlassen müssen.“

Ich wollte nicht unhöflich sein, aber irgendetwas war komisch an dem Kerl.

„Und in ein paar Tagen kommen Sie dann wie von Zauberhand in die nächste Stadt oder wie?“ Er lachte.

Ooh, sein Lachen war umwerfend – so frei und liebenswert.

„Sie sind eine ausgesprochen kluge und aufgeweckte junge Dame. Dürfte ich ihren Namen erfahren?“ Einem so faszinierenden Mann konnte man keinen Wunsch verwehren. „Ich heiße Amanda. Dürfte ich auch Ihren Namen erfahren?“

„Mein Name ist Sam. Sagen Sie, Amanda, leben Sie schon lange in diesem Dorf?“

Ich liebte es, wie er meinen Namen aussprach.

„Ich lebe schon immer hier“, antwortete ich. „Wissen Sie, hier kennt jeder jeden.“

Er lächelte schon wieder.

„Dann sollte ich mich wohl ranhalten. Wie wäre es, wenn wir bei Ihren Eltern anfangen?“

Ich schluckte und wich seinem Blick aus. Diese simplen Worte hatten eine unglaubliche Wirkung.

Meine Eltern. Teufel. Brunnen. Brand. Rache. Hass. Mr. Jones. Tod. Angst. Einsamkeit

Mein Blick wurde von aufsteigenden Tränen getrübt. Alles, was ich mein Leben lang ertragen musste, brach nun aus mir heraus.  

Doch ich wollte es nicht.

Endlich gab es jemanden seit Mr. Jones Tod, der mich nicht verabscheute und ich wollte nicht, dass er es erfuhr.

„Amanda?“ Seine Stimme klang sorgenvoll. „Was ist los?“

Ich blinzelte hastig die Tränen weg und antwortete so ruhig wie möglich.

„Ist schon okay. Ich … Ich muss langsam wieder zurück und außerdem fasse ich nicht, was ich hier gerade tue.“ Das tat ich wirklich nicht. Ich saß hier im Regen und plauderte mit einem dahergelaufenen Mann. Sam lachte.

„Nun gut, wie Sie wollen. Ich werde trotzdem eine Weile hierbleiben.“

Ich stand auf. Nachdem ich solange dagesessen hatte, tat mir alles weh. Außerdem zitterte ich immer noch.

„Sie frieren“, bemerkte Sam.

„Ach wirklich?“ Ich legte so viel Sarkasmus wie möglich in meine Worte. Ich schloss die Arme um meinen Oberkörper und lief zurück Richtung Dorf.

 




Kommentare zu dieser Seite:
Kommentar von:12.04.2010 um 18:58 (UTC)
magical-fantasy
magical-fantasy
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hamma story *muss lesen muss lesen*!!!

Kommentar von Eli( ), 20.02.2010 um 11:40 (UTC):
Weiter weiter! XDD
Ich liebe es!
HDL, Eli

Kommentar von Mona( ), 19.02.2010 um 13:23 (UTC):
Wieder wahnsinns toll.. Ich liebe diese Geschichte!
x) Mach weiter so !



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